„Viel Entwicklungspotenzial liegt bei der Automatisierung“
Im Gespräch mit dem CPS-Team: Prof. Herlitzius, Professor für Agrarsystemtechnik an der TU Dresden, über Abgasregulierung, alternative Antriebe und die Zukunft der Landtechnik.
Wo erwarten Sie bei Landmaschinen die nächsten wegweisenden technologischen Entwicklungen? Generell stehen bei den Landmaschinen in den nächsten Jahren drei Dinge im Mittelpunkt: das Maschinenkonzept, die Automatisierung und Servicedienstleistungen. Was die Maschinen angeht, wird es zunächst noch ein Weiterwachsen geben. Die Leistung eines Traktors hat sich in den vergangenen 50 Jahren um durchschnittlich 1,75 kW pro Jahr vergrößert, bei den Mähdreschern waren es sogar 5 kW pro Jahr. Diese Entwicklung wird noch ein paar Jahre anhalten. Doch dann wird das Wachstum der Maschinen an Grenzen stoßen, zum einen wegen des Rückgangs fossiler Brennstoffe, und zum anderen wegen der schädlichen Bodenverdichtung sowie den Bauraumrestriktionen verbunden mit der Straßenzulassung der Landmaschinen. Da wird heute schon viel getrickst. |
Prof. Dr.-Ing. habil. |
Viel mehr Entwicklungspotenzial sehe ich daher bei der Automatisierung, also bei der Informationstechnik, beim Ausbau der Bordelektronik, Stichwort Precision Farming. Denn: Verfahren in der Landwirtschaft sind heute keine Einzelverfahren mehr, sondern immer Prozesse und da bedarf es einer zentralen Prozessführung. Das wiederum eröffnet die Chance für neue Servicedienstleistungen. Viele Betriebe, vor allem kleinere Betriebe könnten mit den Anforderungen des Verfahrensmanagements überfordert sein. Hier könnten sich daher, vergleichbar mit der Industrie neue Dienstleister im Bereich des Prozessführungsmanagement etablieren.
Wie beurteilen Sie die Diskussion um die bessere Abgastechnologie?
Die ersten drei Stufen, Tier 1, 2 und 3, haben sich als sinnvoll erwiesen. Da sind wichtige Entwicklungsschritte in der Motorentechnologie, auch in der Landtechnik vollzogen worden, die bereits einen großen Anteil schädigender Emissionen reduziert haben. Aber Tier 4 (Stage IIIb bzw. Stage IV) sehe ich durchaus problematisch, nicht nur weil ein Großteil der Welt, vor allem die Ländern Asiens, noch gar nicht entschieden hat, ob und welche Abgasnorm man überhaupt einführen möchte. Sondern weil Tier 4 für die Hersteller in Amerika und Westeuropa vor allem eins bedeutet: Mehrkosten. Und die werden sie an die Kunden weiter geben müssen. Denn jede Technologie, ob nun SCR oder EGR mit Partikelfilter verursacht zusätzliche Kosten. Und klar ist auch: Die zusätzlichen Komponenten wirken eher verbrauchssteigernd. Partikelfilter verbrauchen Kraftstoff zur Regeneration und SCR-Katalysatoren erzeugen einen zusätzlichen Verbrauch von AdBlue®. Wenn Hersteller eine Verbrauchssenkung reklamieren, dann resultiert diese eher aus Verbesserungen des Gesamtwirkungsgrades der Maschine und des Antriebsstranges. Wirklich belastbare Daten oder Vergleichsuntersuchungen existieren noch nicht oder sind nicht offen gelegt. Ich glaube, man hätte der Welt mehr Gutes getan, wenn man das Geld, das in die neue Abgastechnologie gesteckt wurde, in der Entwicklung alternativer Antriebe investiert hätte.
Wird die Dieseltechnologie in absehbarer Zeit durch neue Antriebe abgelöst? Wenn ja, wann rechnen Sie damit?
Es ist davon auszugehen, dass elektrische Antriebe auch in der Landwirtschaft immer wichtiger werden. Aber das wird noch dauern. Wir reden ja hier über Leistungen von bis zu 1000 PS und einem täglichen Einsatz von 14 Stunden. Das wird man in absehbarer Zeit nicht mit Elektromotoren oder einer Brennstoffzelle erreichen können. Da sind vor allem die Speichertechnologien, also die Batterien längst noch nicht ausgereift. Was einzelne Landmaschinenhersteller bisher vorgestellt haben, beispielsweise einen Traktor mit Brennstoffzelle, das sind eher Studien, da ist vieles noch nicht zu Ende gedacht. Was auf jeden Fall in den nächsten fünf bis zehn Jahren kommen wird, das sind Hybrid-Lösungen und dieselelektrische Antriebe bei Landmaschinen. Das ist die Zukunft. Da sind die Hersteller gefordert. Da gilt es jetzt gute Konzepte zu entwickeln.
Prof. Dr.-Ing. habil. Thomas Herlitzius ist Leiter des Lehrstuhls Agrarsystemtechnik an der TU Dresden. Die Professur gehört zum Institut für Verarbeitungsmaschinen und Mobile Arbeitsmaschinen.
